09.09.2017

Es ist ein Klettersteig den ich schon einmal gegangen bin. So ziehe ich los ohne mir große Gedanken über den Ferrata-Verlauf zu machen. Dies sollte sich jedoch als fataler Fehler herausstellen.

rocca 1

rocca 2

rocca 3

rocca 4

War der Einstieg noch leicht zu finden, ist es nach Abschluss des 1. Teiles plötzlich vorbei mit der Orientierung. Die Drahtseilversicherung ist beendet und es folgt eine Passage im Wald.

rocca 5

Da nur ein verwittertes Pfeilschild „Ferrata“ in irgendeine Richtung weist und ein Plastikhinweisschild zerstört ist und demnach keine Ferrata-Richtung außer einigen Pfeilen mehr sichtbar ist verfolge ich zunächst den am stärksten ausgetretenen weiter führenden Pfad.

rocca 6

Nach einiger Zeit verstärkt sich meine Vermutung nur dem Zustieg zu einigen Klettergebieten zu folgen. Ich wandere zurück zum Ende der Drahtseilversicherung um weitere Möglichkeiten zu erkunden. Nun erweist es sich als Fehler die am Ausgangspunkt des KS verwitterte Hinweistafel nicht angeschaut zu haben. Dort hätte ich wenigstens gesehen ob die weitere Route nach links oder rechts führt. Weiter folge ich einer Spur die direkt zur Wand im dicht verwachsenen Wald führt. Diese endet am Wandfuß ohne vorhandene Sicherungen. Ein weiterer Versuch abwärts in die andere Richtung führt mich auch nicht zur Fortsetzung des Steiges.

Zurück am Knackpunkt der Tour hoffe ich zunächst auf weitere Kletterer mit mehr Ahnung über den Ferrataverlauf. Leider bin ich wieder einmal allein im KS.

Beim Umherkraxeln entdecke ich in einer kleinen Felshöhle die Reste des zerstörten Wegweiser-Plastikschildes auf einem kleinen Absatz einer Höhle.

 rocca 6a

 

rocca 5a

Auf dem Bauch liegend versuche ich es mit einem Zweig vom Laub zu befreien um den Text lesen zu können. Der Versuch scheitert und das Schildchen rutscht tiefer in die Höhle. Ich prüfe die Möglichkeit von der Seite in die kleine Höhle zu gelangen um das Schildfragment zu retten. Im abschüssigen durch Gestrüpp verwachsenen Gelände strebe ich dem Höhleneingang zu. Ein Dornenzweig verheddert sich in meiner Kletterhose. Während ich mich davon befreie rutsche ich mit dem rechten Fuß vom Fels ab und trete dabei auf ein vorher nicht wahrgenommenes Wespennest. Plötzlich bricht die Hölle los.

Ein Schwarm wild gewordener Wespen umgibt mich und sticht mich in meine unbedeckten Körperstellen. Da ich an der exponierten Stelle erst wieder einen sicheren Standplatz erreichen muss um mich zu schützen kann ich die zahlreichen Stiche in Kopf, Hals, Arme und Fußknöchel nicht vermeiden. Den Gedanken der vielen einschlägigen Verhaltensratschläge sich nicht zu wehren oder zu bewegen kann ich nicht folgen. Ich versuche meine Verfolger abzuschütteln mit mäßigem Erfolg. Auch am oberen Rand meiner Stiefel haben sich die Biester festgesetzt und stechen was das Zeug hält. Mein Gesicht schützt etwas mein 3-Tage-Bart aber am Hals und Arm sieht es nach dem Angriff böse aus. Als schließlich wieder Ruhe einkehrt schleiche ich vorsichtig zu meinem Rucksack und abgelegtem Helm zurück um nicht noch einmal Ziel des Wespenangriffs zu werden. Ich beschließe die Tour abzubrechen. In sicherer Entfernung vom zurückliegenden Inferno verstaue ich meine Kletterausrüstung im Rucksack, dann hole ich meine ausklappbaren Stöcke heraus und will mit dem Abstieg beginnen. Jetzt beginnt sich aber die Konzentration des  Wespengiftes in Form einer Allergie auszuwirken.

Eine starke Hitze entwickelt sich in meinem Gesicht und am ganzen Körper. Meine Lippen und Augenlider schwellen an ganz zu Schweigen von den gestochenen Stellen an den Füssen, Armen und am Hals. Ich muss so schnell als möglich ins Tal absteigen. Gut dass ich Stöcke dabei habe denn mein Gang ist sehr unsicher geworden und nichts wäre schlimmer als zusätzlich noch einen Knöchel zu brechen.

Fast wie in Trance erreiche ich meinen Camper. Was ist zu tun? Ein allergischer Schock könnte sich einstellen. Medizinische Hilfe ist hier in der Pampa allerdings nicht verfügbar. Mit zittrigen Fingern hole ich mein gottseidank geladenes Smartphone heraus und gehe in meine Navigon App. Ich scrolle und scrolle bis ich endlich über eine entdeckte SOS-Funktion das am nächsten gelegene Krankenhaus heraus finde. Man sollte also in einer ruhigen Minute seine Notfallapplikationen kennen. Jetzt nur noch auf Start drücken und los geht es. Immerhin sind laut Navi 38 km zurück zu legen aber eine große Strecke über eine Autobahn. Hoch konzentriert lege ich die Strecke zurück und erreiche ein großes Krankenhaus in Rivoli. Mit 0-italienisch Kenntnissen frage ich mich zur Notfallabteilung durch. Wie auch in Deutschlands Nothilfen ist der Wartebereich mit über 50 Patienten voll belegt. Es folgt ein langes Prozedere mit Ausweis und Krankenversicherungskarte was zunächst abgelehnt wird und erst durch einen Supervisor positiv geklärt wird. Mittlerweile hat sich mein Zustand verschlechtert und ich nehme auf einem noch freien Stuhl platz. Während ich mit einer stundenlangen Wartezeit rechne wird plötzlich schon mein Name aufgerufen. Nach kurzem Check durch eine Ärztin lande ich sofort auf einer Liege und eine Schwester legt einen Infusionszugang Blut wird abgenommen und eine Infusion läuft in meinen Körper. Immer noch sind meine Lippen angeschwollen und ich habe Mühe beim Sprechen. Für die nächsten 2 Stunden laufen verschiedene Infusionen in meinen Body. Langsam entspannt sich mein Gesicht und offensichtlich zeigen die richtigen Medikamente ihre positive Wirkung. EKG und Blutdruck sind positiv und ich werde entlassen. Verordnete Medikamente kann ich jedoch nachdem es bereits Samstagabend ist nur in einer entfernten Apotheke in Turin besorgen. Wieder leistet mir mein Smartphone wertvolle Dienste ohne die ich chancenlos gewesen wäre.

Nachdem ich mir die Medikamente besorgt habe beginnt noch die Suche nach einem Campingplatz was sich als schwierig herausstellt. So parke ich bei Einbruch der Nacht in Trecate auf Position N45° 25' 38.0" E8° 44' 48.8" in einer Wohngegend wo ich eine angenehme ruhige Nacht verbringe.

 

Rückblickend ist es sicher von Vorteil wenn man durch medizinische Erste Hilfe Kenntnisse sich über Auswirkungen eines allergischen Schocks im Klaren ist. Atem- und Kreislaufausfälle sind möglich. Deshalb möglichst schnell medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. In München hätte ich die Notrufnummer 112 gewählt. In der Pampa bleibt aber nur als Sofortmaßnahme zu kühlen. Falls man einen Kältepack mit sich führt. Auf dem Weg zum Krankenhaus leistete ich mir damit Erste Hilfe.