Italien, Bergamasker Alpen (Dente del Resegone 1809 m)

Gamma 1 + 2 geistern schon lange als unbedingt noch zu besteigende Klettersteige in meinem Hinterkopf herum! Schon vor einem Jahr hatte ich einen Besteigungsversuch unternommen, musste aber wegen eines Schlechtwettereinbruches umkehren. Die Anfahrt von München aus zu diesem Ziel dauert eben einen ganzen Tag und muss deshalb gut geplant werden.

Bilder aus dem Klettersteig


Ich übernachte bei der Talstation der Bergbahn zum Piani d'Erna oberhalb Lecco. Immer wieder lese ich die entsprechenden Beschreibungen durch und ich kann es drehen und wenden wie ich will, es ist und bleibt eine große Tour. Ich schwanke zwischen der Möglichkeit erst den Gamma 1 (5 Stunden) an einem Tag zu gehen und am nächsten Tag mit der Bahn hochzufahren, um dann den Gamma 2 (7 Stunden) in Angriff zu nehmen.
Am nächsten Morgen finden sich bereits um 5 Uhr früh die ersten Bergsteiger ein und marschieren mit Stirnlampen los. So extrem will ich es nun auch wieder nicht angehen lassen. Ich lege mich noch einmal auf's Ohr und erst mit dem ersten Tageslicht starte ich nach einem ausgiebigen Frühstück zu meiner Tour. Nach einer halben Stunde bin ich am Einstieg zur "Via Ferata Gamma / Gamma 1". Gleich am Anfang empfangen mich die hier gebräuchlichen Ketten, die anstelle unseres in unserem Alpenraum üblichen Drahtseiles zur Sicherung befestigt sind. In diesem Klettersteig stellen die Ketten kein Problem für mich dar, denn es sind nur wenige Stellen, in dem maximal mit C einzustufenden KS, die ein Einhängen für mich erforderlich machen. 22 Leitern sind in den oft sehr ausgesetzten Wänden zu überwinden, aber auch hier komme ich schnell voran und schaffe die 640 Höhenmeter in 2 Stunden.
Auf dem Pizzo d'Erna angekommen, geht mein Blick hinüber zu meinem zweiten Ziel, dem Dente del Resegone, auf den die "Ferrata Gamma al Dente del Resegone / Gamma 2" hinaufführt. Ich quere hinüber zur Bocca d'Erna und folge dort dem Weg Nr. 5. Nach einer Stunde erreiche ich das markante Bedoletta Kreuz. Dort steht eine Hinweistafel zum Klettersteig. Auf schmalen Steigspuren erreiche ich den Einstieg zum "Gamma 2". Wie schon im Gamma 1 besteht die Sicherung auch hier aus einer massiven Kette. Gleich am Einstieg geht es zur Sache und ich hänge mich in die Kette ein. Mühsam ist das Handling der Klettersetkarabiner die sich nur schwer auf der Kette bewegen lassen. Leichte Zweifel machen sich bei mir breit, ob ich diesem Klettersteig gewachsen bin. Die Sicherungskette hängt ständig ganz locker in ihren Fixpunkten, ständig haken die Sicherungskarabiner. Nur die überall ausreichend vorhandenen Griffe und Tritte lassen meinen Mut wieder steigen. Es ist ein völlig anderes Gehen, als in den von mir gewohnten Klettersteigen. Eigentlich ist es reines Klettern wie im Vorstieg. Die Kette kann allenfalls als Sturzsicherung dienen. Nur wenn man sich einmal an der hin- und herpendelnden Kette hochziehen muss, bietet diese einen Vorteil aufgrund ihrer Griffigkeit. Außer mir klettert noch ein Alleingänger weit unter mir auf dem Gamma 2. Wenigstens muss ich hier keinen Steinschlag von Vorauskletternden befürchten. Immer wieder komme ich an schwierige Stellen, wo ich alle meine Kräfte und Techniken einsetzen muss. Oft hänge ich mich mit meiner Express-Schlinge vor schwierigen Passagen ein, um erst einmal wieder alle Kräfte zu sammeln. 

Endlich komme ich an die Schlüsselstelle des Klettersteiges. Zum ersten Mal in meiner Klettersteiglaufbahn verlässt mich hier mein Mut! Eine lockere Kette hängt von oben herab, ein kleiner Stein ist als Tritt an die Wand geklebt und neben mir spannt sich ein überhängendes Dach bedrohlich in's Leere. Kurz durchzuckt mich der Gedanke an's Umkehren. Zu ungewohnt ist die sich mir eröffnende, in's ungewisse führende Situation. Doch sofort verwerfe ich die Idee, als ich an die bereits überwundenen schwierigen Passagen des Klettersteiges denke. Zu anstrengend wäre hier ein Rückzug. Mit aller Kraft ziehe ich mich hoch und schlage meinen Expreßschlingen-Karabiner in die über mir hängende Kette, über der Zwischensicherung ein. Es gibt einfach kein Zurück!

Die Psyche spielt in dieser Phase eine außergewöhnliche Rolle. So las ich in einem Bericht, dass der KS nicht nur eine, sondern sogar 3 Schlüsselstellen besitzen solle. Die letzte E-Stelle sollte der sogenannte Ausstiegskamin am Ende der Tour sein. Das konnte ja heiter werden, nachdem ich gerade einmal die Hälfte des KS hier hinter mich gebracht hatte. Alle diese Gedankengänge führen zu einem gefährlichen Leistungsabfall.
Nach einer weiteren Analyse der vor mir liegenden Kletterstelle, nehme ich alle meine Kräfte zusammen und Ruck Zuck habe ich die Stelle überwunden. Immer noch im Ungewissen, ob dies auch wirklich die Schlüsselstelle war, klettere ich weiter. Erst einige Zeit später, als ich auf einem breiten Felsband nach oben gehe, entspanne ich mich und gehe wieder lockerer an die weitere Route heran. Durch einen Felsrutsch ist hier die Sicherungskette teilweise herausgerissen und stellenweise verschüttet. Immer weiter geht es im Schwierigkeitsgrad B/C nach oben und ich bin gespannt auf das schwierige Finale im Ausstiegskamin. Sicherheitshalber verstaue ich vor dem Kamin meine Kamera tief im Rucksack, damit ich im Kamin vollen Körpereinsatz bringen kann. Wieder ist es die lose herumhängende Kette, die wirklich nur zur Sicherung und zu vereinzeltem Hochziehen verwendbar ist, die diese Passage erschwert. Allerdings haben die Erbauer hier einige Griffe gesetzt, die in Verbindung mit guten Tritten und Griffen das Bezwingen dieses Kamines erleichtern. Nach den ersten Metern stellt sich mein Selbstbewusstsein wieder ein, da ich mich der Herausforderung zusehends wieder gewachsen fühle.
Auf dem Gipfel des Dente del Resegone streife ich erleichtert mein Kletterset ab und nehme mir vor, nie wieder eine nur mit Ketten gesichert Tour in diesem Schwierigkeitsgrad zu unternehmen. Die Befriedigung, diese Tour gemeistert zu haben, kann die psychische Belastung während der Unternehmung nicht wettmachen!
Ein langer Auf- und Abstieg über den Weg Nr. 10, die Azzoni Hütte, den Weg Nr. 1 und das Refugio Stoppani bringt mich nach fast 11 Stunden wieder müde und matt zum Auto zurück.
Es war ein schwieriger Klettersteig in dem sich Spaß und Frust die Waage hielten.