(Dolomiten, Tofana di Rozes)

Die Felstürme der Tofana di Rozes glänzen in der Morgensonne, als ich vom Rifugio Dibona zum Lipella-Klettersteig aufbreche. Die Gipfel ringsum sind immer noch schneebedeckt, doch ich vertraue auf die Kraft der Sonne. Der Zustieg jedenfalls ist völlig schneefrei und die Aussicht auf die umliegenden Berge ist traumhaft. Der Lipella beginnt mit einem mächtigen Felsstollen aus dem 1. Weltkrieg, der "Galleria del Castelletto" dessen Eingang auf den ersten Blick alles andere als einladend aussieht. Doch bei genauem Hinsehen, erkenne ich die neben dem alten Zugang angelegte perfekte Drahtseilsicherung.

aufstieg

Beruhigt lege ich neben den schon versammelten Kletterern mein Set an und schnell geht es als Erster hinein in den Tunnel.

Einstieg

Zunächst steige ich auf massiven Eisengitterstufen bis zum ersten Felsfenster bei totaler Dunkelheit hinauf. Ein Drahtseil ist durchgängig auf der rechten Seite des Stollens angebracht. Nach dem ersten Tunnelfenster geht es ohne Stufen im Fels weiter steil nach oben. Ich muss schon ordentlich schnaufen und bin froh, nicht an Klaustrophobie zu leiden. Es ist eine eigenartige Anspannung, allein in dieser Enge etwa 120 Höhenmeter auf einer Länge von ca. 300 m zu überwinden. Daher bin ich froh, als ich das Ende des Tunnels erreicht habe und meine Stirnlampe ausschalten kann.

Video aus dem Klettersteig


felsfun.de -

 

Nach kurzem Abklettern gehe ich auf einem längeren Weg nordseitig im Schatten dem Einstieg entgegen. Weit voraus sehe ich 2 Kletterer, ansonsten ist weit und breit keine Menschenseele unterwegs. Ein Eisenschild weist auf den Beginn des Lipella-Klettersteiges hin. Die Kletterei ist einfach und gut gesichert. Immer wieder komme ich auf längere schneebedeckte Felsbänder die meine Kletterei unterbrechen. In einer Querung werde ich vom herab laufenden Schmelzwasser so eingeregnet, dass ich mir meinen Anorak überziehen muss. Während ich mir einen Schluck aus meiner Flasche genehmige, kommt Steinschlag von oben und reflexartig presse ich mich an die Wand. Pfeifend zischen die Steine an mir vorbei und ich nehme es als eine echte Warnung. Durch die Schneeschmelze kommt es im weiteren Verlauf des Steiges noch mehrmals zu dieser Situation und einmal bleibt mir wirklich fast das Herz stehen! Eine Querung verläuft regelrecht durch einen Sturzbach, sodass mein Kletterset anschließend völlig durchnässt ist. Erst auf dem Rastplatz der „Tre Dita“ angekommen, kann ich meine von außen und innen nass gewordenen Kleidungsstücke wieder trocknen. Mein Blick schweift hinüber zur Südlichen Fanisspitze, an der ich 2005 die "Via Ferrata Cesco Tomaselli" am Beginn meiner Klettersteigabenteuer gegangen bin.

Das zum Gipfel weiter führende Felsband ist schneebedeckt, der Himmel ist bewölkt und mein bisheriger Kletterspaß war hervorragend. Was will ich mehr? Deshalb beschließe ich den weiteren Aufstieg abzubrechen und über den Notausstieg abzusteigen. Zu gefährlich erscheint mir der weitere Weg. Der Übergang in Richtung Rifugio Giussani ist dann aber auch nicht ungefährlich. Schritt für Schritt stapfe ich in einer schneebedeckten, abschüssigen Querung zu einem in der Sonne liegenden langgezogenen Felsrücken hinüber. Da die Sonne hier nicht hereinkommt, ist die vorhandene Spur teilweise sogar vereist. Fast bereue ich schon, diesen Pfad gewählt zu haben. Im südseitigen KS hätte ich wenigstens eine Drahtseilsicherung gehabt. Aber was soll’s, vorsichtig sichere ich mich mit meinen Stöcken und mit Konzentration und Ruhe, komme ich schließlich wohlbehalten auf dem breiten Felsrücken an. Es ist zwar keine Markierung zu sehen, aber in dem weiten Kessel der sich hier eröffnet kann ich im Schnee die Spuren meiner Vorgänger entdecken. Erleichtert setze ich meinen Abstieg im jetzt ungefährlichen Gelände fort. Es ist das zweite Mal, dass ich einen Klettersteig über einen Notausstieg verlassen habe. Jetzt kann ich auch den normalen Abstieg von der Tofana di Rozes einsehen. Überall ist Schnee und sogar riesige Eiszapfen sind zu erkennen. So bin ich jetzt froh, der Vernunft gefolgt zu sein. Verschiedene Male muss ich bis zum Rifugio Giussani noch unangenehme Stellen im unübersichtlichen Gelände passieren. Ab dem ehemaligen verlassenen Rifugio Cantore komme ich auf einem gut markierten und sogar ausgebauten Weg zurück zum Ausgangspunkt beim Rifugio Dibona.

Ein einmaliges Bergerlebnis liegt hinter mir und einige unerfüllte Tourenwünsche bringen mich sicher wieder nach Cortina.