Der Pößnecker Klettersteig ist in der Sellagruppe der bekannteste KS. Schon beim ersten Tageslicht stehe ich auf dem Sellajochparkplatz direkt gegenüber des Wegbeginns. In aller Ruhe warte ich hier auf vorausgehende Ferrataristi, denn in dieser im Schatten liegenden Wand ist es vielleicht nicht schlecht für mich, wenn schon einige Vorausgänger das Drahtseil abgewischt haben. In der Nacht war es kalt und die Temperatur liegt im Moment bei 5 °C. Langsam treffen die ersten ein, doch an der Ausrüstung sehe ich, dass es Kletterer mit Seil und Haken sind. Schließlich kommen doch noch ein paar Leute die in Richtung Pößnecker Klettersteig abmarschieren.


In äußerster Langsamkeit wandere ich zum Einstieg. Ein Paar ist bereits etwa 50 m voraus im KS, 3 Mann ziehen gerade ihre Klettergürtel an und 1 Mann kommt hinter mir zum Einstieg. Trotz meines langsamen Handlings bin ich als erster fertig, denn die 3 Italiener vor mir haben sich endlose Geschichten zu erzählen und trödeln regelrecht herum. Der Mann der nach mir kam hat es auch noch nicht eilig und so steige ich an diesem Tag als dritter in den KS ein. Kaum bin ich in der Wand, steigen die Italiener auch ein und pushen mich voran. Na ja denke ich mir, es soll ja auch schnellere als mich geben, wenn sie wirklich näher kommen, werde ich eben eine Pause einlegen. Das vor mir kletternde Pärchen hat offenbar eine schwierige Stelle erreicht, denn sie kommen nur langsam voran. Ich bin vor 20 Jahren den KS schon mal mit meinem Sohn gegangen und kann mich gar nicht mehr an besondere Schwierigkeiten erinnern. Als ich dann dort ankomme, stehe ich in einem engen Kamin der an der Schlüsselstelle eine Eisenstufe hat die aber fast nicht aus dem Stand zu erreichen ist. Als kleine Hilfe ist an dieser eine kurze Reepschnur angebracht an der man sich etwas hochziehen kann. Freundlicherweise haben meine Vorgänger beabsichtigt oder unbeabsichtigt diese Reepschnur nach oben gezogen, sodass ich den Eisentritt nur durch spreizende Kamintechnik erreichen kann. Nach ein paar kräftigen Aktionen kann ich die Stelle schnell passieren. Jetzt sehe ich nach unten blickend die Italiener bereits rasten (oder geben sie schon auf?) und das Pärchen über mir schleppt sich mühevoll vor mir hinauf. Nach einiger Zeit meines "Hinterherstopselns" lassen die beiden mich nach meiner Anfrage vorbeigehen. Die Route ist trocken und nach einigen Seillängen komme ich auf der breiten mittleren Schutt-Terrasse an. Am Fuße des letzten Aufschwungs zum Gipfel des Piz Selva mache ich jetzt eine ausgiebige Rast. Die Sonne strahlt vom wolkenlosen Himmel herab und die Aussicht auf den Langkofel gegenüber ist einfach super. Nacheinander lasse ich das jetzt schnell herauf kommende Pärchen und den nachfolgenden Einzelgänger an mir vorbei ziehen. Sie haben es jetzt offenbar eilig, den Berg hinauf zu kommen. Schließlich mache ich mich wieder auf die Socken um den zweiten Teil des KS zu packen. Dieser Teil ist einfach und ich bin überrascht, wie schnell ich oben bin. Als ich meinen Kopf über die Ausstiegskante hebe, streckt mir der italienische Soloferrataristi der mich bei meiner Rast überholt hatte, mit strahlendem Gesicht seine Hand entgegen und wünscht mir "Bergheil". Er hat sich schon bis auf die Turnhose ausgezogen, weil die Sonne so herunter brennt. Ich mache das Gleiche und nach kurzer Rast gehe ich über den Gipfel des Piz Gralba in Richtung Val Lasties weiter. Es liegt Schnee auf dem Hochplateau, aber der Weg ist gut markiert.


Der Abstieg fordert erhebliche Kondition, denn es ist das ganze Meisules Plateau zu umrunden. Der Weg mündet schließlich in den 666er Steig der von der Pisciadu Hütte wo ich gestern war, herüber kommt. Hier herrscht Hochbetrieb in Richtung Boehütte. Kurz darauf entdecke ich endlich einen Wegweiser der zum Steig Nr. 647 ins Val Lasties hinunter zeigt. Es ist ein gewaltiger Anblick, links die Gipfel der Boe-Gruppe und rechts die Torre di Roces. Beim Abwärtsgehen fasse ich den Plan, morgen auf den Piz Boe zu gehen.

In der Kehre 5 der Sella Paßstraße endet der Abstiegspfad. Jetzt gilt es noch zur Paßhöhe hochzulaufen um zum Auto zurückzukommen. Da hier leider kein Weg abseits der Straße zu finden ist, gehe ich am Straßenrand entlang. Es herrscht Wochenendverkehr und die pausenlos mit irrem Gedonner vorbeifahrenden Motorradfahrer machen den Marsch zum absoluten Horrortrip! Ich war ja selbst mal Motorradfahrer, aber mit derartiger Phonzahl wäre ich bestimmt nie durch den TÜV gekommen. Um diesem Wahnsinn zu entkommen gehe ich querfeldein zum Paß zurück.


Alles in allem war es eine anstrengende Tour, die ich nie wieder ohne ein zweites Fahrzeug in Nähe der Kehre 5 geparkt, unternehmen würde.