Weg der 26er oder "Soweit die Füsse tragen"

Karnische Alpen (Kärnten), Hohe Warte (Monte Coglians) 2780m

Am nächsten Morgen nach dem gemütlichen Frühstück treffe ich zwei Einheimische und unterhalte mich mit ihnen über die Klettersteige in der Umgebung. Die beiden wollen durch den Cellonstollen hinauf zum "Weg ohne Grenzen" und den gleichen Steig gehen, an dem ich am Vortag unterwegs gewesen bin. Wir kommen auch auf den "Weg der 26er" zu sprechen und ich erzähle ihnen von meiner gestrigen Tour und meinem Plan für den "26er". Meine Bedenken, dass der Steig sich zu sehr in die Länge zieht, zerstreuen sie, denn ich könne ja ohne Probleme bereits in der Mitte des Klettersteiges nach links hinüber zum "Koban-Brunner-Weg" queren und über diesen wieder zum Valentinstörl absteigen. Also mache ich mich doch zur Valentinalm auf den Weg und starte gegen 9 Uhr das Unternehmen.

Bilder aus dem Klettersteig

Nach 2 Stunden Aufstieg stehe ich am Valentinstörl und sehe links hinüber zum Einstieg der 26er. Eigentlich würde der Klettersteig gleich hier über einen Felszacken hinweg beginnen, da ich aber kein Sicherungsseil sehe, steige ich erst einmal Richtung Wolayer See ab um dann einem ausgetretenen Pfad wieder nach oben zu folgen. Es ist schon anstrengend, wenn man immer auf Sicherheit geht. So manche Stunde verliert man dadurch. Andererseits ist es für einen Alleingänger wie mich, die einzige Möglichkeit, das Risiko am Berg in Grenzen zu halten.

3 Stunden bin ich nun schon ununterbrochen unterwegs, als ich endlich am Einstieg mein Kletterset anlegen kann. Keine Menschenseele ist hier unterwegs, obwohl es laut Wetterbericht ein schöner Tag werden soll. Die ersten Meter geht es gleich ordentlich zur Sache und auch eine ausgebrochene Zwischensicherung ist zu überwinden. Aber der Fels ist ideal griffig und trocken. Wie immer stellt sich nach den ersten gemeisterten Schwierigkeiten die Routine und damit auch wieder die Ruhe ein. Der Herzschlag normalisiert sich. Ich gönne mir Zeit für atemberaubende Tiefblicke hinunter zum Einstieg und lassse meinen Blick in die Runde gehen. Es ist einfach ein faszinierendes Erlebnis, in einer gewaltigen Wand zu klettern und dabei perfekt am Drahtseil gesichert zu sein. Keine Sorge zu haben, die richtige Kletterführe zu verpassen und einfach nur Steigen, Klettern, Steigen, Klettern... Nach 50 Minuten erreiche ich einen Abzweig zum "Koban-Brunner-Weg". Nach den beiden gelben Wegweisern die hier in den Felsen stehen, endet hier der "Weg der 26er" und der "Koban-Brunner-Weg" führt weiter hinauf zur Hohen Warte. Gleichzeitig führt auch ein schwach zu erkennender Pfad nach links hinüber zum "Koban-Brunner-Weg". Da ich Zeit sparen will, folge ich diesem Pfad, überquere ein abschüssiges steiles Geröllfeld (natürlich ohne Sicherung) und gelange an einen markanten Felssporn. Der Blick in die Richtung des weiteren Wegverlaufes, lässt nichts Gutes ahnen. Einerseits kann ich von oben keine Markierung mehr erkennen, andererseits präsentieren sich riesige glatte Platten, die mit kleinem Geröll bedeckt sind. Weitergehen in diesem unsicheren Gelände, oder umkehren und die eröffnete Tour bis zum Ende durchstehen, das ist hier die Frage.

Eine halbe Stunde hat mich dieses Intermezzo gekostet, dann stehe ich wieder am Abzweig zum Gipfel der Hohen Warte. Relativ einfach geht es immer weiter nach oben. Dicke Nebelschwaden ziehen mittlerweile von Süden die Wände herauf und versperren die Sicht in diese Richtung. So kann ich auch ein Drahtseil, das nach Westen abzweigt nicht weiter verfolgen, obwohl ich die Vermutung habe, dass es sich hier um den "Sentiero Spinotti" der zum Wolayer Paß hinunter führt, handelt. Es macht mir auch weiter nichts aus, denn der nahe Gipfel winkt und noch ahne ich nicht, wie weit sich der Abstieg hinziehen wird. Gegen 14:30 Uhr stehe ich auf dem Gipfel der Hohen Warte. Der Abstiegsweg nach Süden ist in einem dichten Nebelmeer verborgen. Nur die gut erkennbare rot/weiße Markierung die nach unten führt, ist zu erkennen. Anfangs muß ich noch häufig die Hände zum Abklettern benützen, aber je weiter ich nach unten komme, desto normaler wird der Weg. Das einzige Problem ist die Orientierung ohne Karte. Ich habe im Nebel einfach keine Übersicht über das Gelände. Nur vereinzelte Hinweise auf irgendwelche Gipfel und Wegenummern sind zu entdecken. Gefühlsmässig entferne ich mich immer weiter von meinem Ziel, dem Plöckenpaß. So bleibt es nicht aus, daß ich einmal eine halbe Stunde einen Weg in meine Zielrichtung weit nach oben verfolge und wieder umkehre. Ein anderes Mal folge ich einer Spur von einer Scharte aus weit bergab in östlicher Richtung, wo ich in dem mittlerweile nebelfreien Gelände weit unter mir einen zum Plöckenpaß führenden Weg sehen kann. Schließlich gebe ich auch hier auf, als die Spuren in einen gefährlichen Steilhang ohne erkennbaren Steig führen. Es kostet mich immer wieder einige Überwindung, dann angesichts des sehr nahen talwärtigen Heimweges den Abstieg aufzugeben und den ganzen, eben erst abgestiegenen Pfad schweißtreibend wieder zurück aufzusteigen. Trotzdem wandere ich auf dem oben erreichten breiten Höhenweg erleichtert weiter in Richtung Rifugio Marinelli, wo ich dann auch einen Wegweiser zum Plöckenpaß finde. Der Nebel hat sich jetzt auf die umliegenden Gipfel zurückgezogen und vor mir liegt der weitere Abstieg in seiner ganzen Länge. In der Ferne meine ich auch schon den Cellon Gipfel zu sehen, was sich allerdings im weiteren Abstieg als Trugschluß herausstellt. Es sind noch einige Täler und Gegenanstiege zu bewältigen, bis ich endlich am späten Nachmittag den vom Vortag bekannten Abstiegsweg vom Cellon sehen kann. Noch einmal verlasse ich mich auf einen Wegweiser zum Plöckenpaß und komme später weitab von meinem Ziel, auf einem toll in die Wand gebauten Weg unten an. Ich ärgere mich, daß ich nicht zum bereits sichtbaren Cellonweg hinüber gewechselt bin. Irgendwie wäre ich sicher dort angekommen. Als ich schon gar nicht mehr an eine Verbindung zu meinem Ziel glaube, komme ich an einen Wegweiser, der mir einen 45-minütigen Aufstieg zum Plöckenpaß prophezeit. Noch einmal schalte ich den Nachbrenner ein und komme beim letzten Tageslicht am Plöckenpaß an. Jetzt habe ich nur noch den ultimativen Weg zur Valentinsalm vor mir. Endlos lange zieht sich der Fußmarsch durch den Paßtunnel hin. Am ersten Haus nach dem Tunnel frage ich nach dem Weg zur Valentinalm. Ja "kein Problem", sagt mir die Hauswirtin, man kann den Weg nicht verfehlen. Leider ist es jetzt schon dunkel und durch einige Weidezäune und Teichverbauungen ist der Weg nur zu erahnen. Aber dann finde ich doch noch den richtigen Weg und als ich die Lichter der Valentinsalm sehe, ist für diesen Tag wieder einmal die Welt für mich in Ordnung.

 

Fazit: Nimm immer eine Karte mit! Verlasse dich nie völlig auf die Aussagen von Anderen "Insidern"!