(Westliche Mitterspitze 2160 m, Leoganger Steinberge)

Endlich kann ich diesen Klettersteig in meinem Tourenbuch abhaken. Seit Beginn meiner Klettersteig-Ära geistert dieser KS in meinem Kopf herum, doch erst jetzt fühlte ich mich dieser Herausforderung gewachsen.
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Nach fast 2 Stunden steilem Aufstieg stehe ich am Einstieg wo ich kaum Platz zum Anlegen des Klettersteigsets habe. Ich hätte es bereits etwas unterhalb des Drahtseilbeginnes auf einem kleinen Wiesenrücken anlegen sollen. So wurstle ich hier herum, da ich auch nicht mehr zurück gehen will. Schon die ersten Meter zeigen mir die Eigenart dieses KS. Das relativ dünne Drahtseil ist nur locker gespannt, Trittstufen beschränken sich anfangs auf kleine Eisenbügel auf denen gerade mal meine Schuhspitze Platz findet. Durch die immer wieder im Steigverlauf zu passierenden Grasschrofen sind die Tritte oft erdig verschmiert. Bereits im unteren Drittel des KS muß ich immer wieder Kraft und Technik einsetzen, um in der aus der Wand herausdrängenden Route voran zu kommen. Froh bin ich diesmal um meine beiden Sicherungskarabiner, die ich im Gegensatz zu anderen KS wo ich mich oft auf den Einsatz nur eines Karabiners beschränke, permanent einsetze. Mächtig türmt sich die Wand über mir auf. In der oberen Wandhälfte sehe ich zwei Paare klettern, wobei die letzteren offensichtlich nur sehr langsam voran kommen. Entgegen der oft feststellbaren Überbewertung der Klettersteige in den einschlägigen Führern, verdient diese Route ihre Bewertung. Ich werde ein mulmiges Gefühl nicht los, wenn ich an die Schlüsselstelle im oberen Viertel des KS denke. Bald habe ich eines der voraus kletternden Paare eingeholt. Die Frau sitzt ziemlich fertig neben ihrem Partner auf einem Felsabsatz. Er spricht ihr fortgesetzt Mut zu und ich denke mir, daß sie hier wohl fehl am Platze sind. Umkehren erscheint ihnen zu gefährlich, doch sowohl am "Z- und später am Bergführer-Quergang" werden sie wohl extreme Schwierigkeiten bekommen. Beide klettern auch ohne den obligatorischen Helm, was ein Beweis ihrer Unerfahrenheit ist. Aber der Tag ist ja noch lang und irgendwann werden sie vielleicht doch den Gipfel erreichen, wenn nicht vorher ein Steinschlag ihre Tour vorzeitig beendet hat.

Bilder aus dem Klettersteig

Ich ziehe mich weiter hinauf und stehe schließlich plötzlich vor der Schlüsselstelle, dem "Bergführer Quergang". Mein Blick geht am Stahlseil entlang - in's Leere! Es ist wirklich eine atemberaubende Querung. Sie ist nicht nur überhängend, sondern geht auch noch um die Ecke herum, sodaß man das Ende dieser Kraftstrecke nicht einsehen kann. Ich prüfe intensiv den Sitz meines Klettergürtels und bereite meine Expreßschlinge für ihren Einsatz vor. Meine ganze Anspannung bis zu dieser Stelle löst sich jetzt in Luft auf, da ich endlich die Schlüsselstelle des KS vor Augen habe und noch gut bei Kräften bin. Mein Adrenalinspiegel steht jetzt auf höchstem Niveau, ich schüttle meine Arme und Hände aus, atme noch einmal kräftig durch und los geht's. Voll in meinen Armen hängend, spüre ich wie sich mein Rucksack vom Rücken löst und frei von meinen Schultern hinabbaumelt. Unter mir ist nichts als Luft! Dann bin ich an der ersten Drahtseilverankerung. Schnell hänge ich die Expreßschlinge ein und kann in aller Ruhe meine Karabiner umhängen. Noch einige Male wiederhole ich diese Prozedur, dann liegt die Schlüsselstelle hinter mir. Der Adrenalinspiegel sinkt wieder auf Normal und in den Letzten Metern der Querung traue ich mich sogar noch die Kamera herauszuziehen und ein Foto zwischen meinen Beinen hindurch, nach unten zu machen.

Den Rest des KS bringe ich dann schnell hinter mich und am Gipfel genieße ich die sagenhafte Aussicht auf Großglockner und Großvenediger sowie die Berchtesgadener Alpen. Über den "Leoganger Nord" steige ich zur unter mir liegenden Passauer Hütte ab. Dieser KS ist mit unzähligen Eisenklammern ausgestattet, sodaß man den Kontakt zum Fels fast völlig verliert. Zum Absteigen ist er aber ideal. Vorbei an der Passauer Hütte wandere ich schnell wieder nach Leogang hinunter, da sich am Himmel mächtige Kumuluswolken auftürmen. Als ich gerade im Auto sitze und wegfahre, setzt ein stürmischer Regen ein, der mich auf der ganzen Heimfahrt begleitet. Glück muß man eben haben, denn nichts ist so unangenehm, als im strömenden Regen am Berg unterwegs zu sein.


Zurückblickend reihe ich diesen KS nach der Martinswand Teil 2 als den schwierigsten KS unter meinen bisher gegangenen Klettersteigen ein. Der lange und steile Zustieg einerseits und die kraftraubenden Passagen im KS andererseits, ergeben seine hohe Schwierigkeitsbewertung. Insbesondere der "Bergführer Quergang" erfordert ein hohes Maß an Kraft und Technik. Vielleicht werde ich diesen KS noch einmal gehen, damit ich auch die schönen Tief- und Rundumblicke genießen kann.

Dieses Mal war es jedenfalls in erster Linie ein Kraftakt.