Ötztaler Alpen, Plamorter Spitze 2982 m
 
 
Es ist ein traumhafter Tag mit idealem Bergwetter, als ich in der Gondel der Bergkasteler Seilbahn sitze. Mein Mountainbike hängt aussen an der Gondel, da ich nach der Klettertour noch eine rasante Abfahrt mit meinem Bike machen will. Der hochalpine Klettersteig wird mich voraussichtlich den ganzen Tag in Anspruch nehmen. Von der Bergstation aus schlage ich ohne Bike, zunächst der Beschreibung folgend den Weg zur Bergstation der Zirmbahn ein. Dort angekommen ist keine Markierung zum Klettersteig zu finden. Nach einigem Suchen folge ich einigen Steinmännern in Richtung des vermuteten Klettersteiges in's Blockkar des "Nauderer Goaßlochs". Im unwegsamen Blockgelände treffe ich schließlich auf eine Markierung der ich für einige Zeit folgen kann. Eine kurze Unaufmerksamkeit von mir und wieder habe ich die Markierung verloren. Als ich schon fast aufgeben will um mich mit einer Bergtour zufrieden zu geben, erspähe ich wieder einen roten Markierungspunkt und entdecke endlich das fast nicht zu erkennende Schild des Tiroler Weges. Ein dünnes Drahtseil führt nach oben, somit erübrigt sich die weitere Wegsuche.
 
Keine Menschenseele ist hier zu sehen, obwohl heute Samstag bei "Kaiserwetter" ist. Es ist immer wieder erstaunlich, wie man doch in unseren Alpen die absolute Stille finden kann und das nur einige Stunden vom Massentourismus entfernt.
 
Der erste Aufschwung des KS ist anspruchsvoll, aber riesige Griffe lassen die Schwierigkeiten mit Leichtigkeit überwinden. Dann geht es gemütlich immer auf dem Grat der Plamorterspitze entgegen. Ab und zu sind die Drahtseilsicherungen herausgerissen oder lockker, sodass man sich nicht 100 %ig darauf verlassen kann. Oft finden sich große Abstände zwischen den Sicherungspunkten. Der Klettersteig hat keine künstlichen Tritte, aber entgegen der sonst üblichen Praxis, sehr viel am Drahtseil Halt zu suchen, kann man hier regelrecht klettern. Das Drahtseil fungiert fast immer nur als reine Sicherung. So macht es einen riesen Spaß im ständigen Felskontakt zu sein. Nur einmal fährt mir der Schreck in die Glieder, als ich gerade eine Platte mit Flechtenbewuchs quere und dabei abrutsche. Ausgerechnet hier ist eine Verankerung herausgebrochen, sodass das Drahtseil nur locker im Gelände hängt. Trotzdem kann ich wieder Tritt fassen und vermeide einen Sturz in's Seil. Kurz darauf passiere ich einen Notausstiegshinweis. Da der Gipfel nicht mehr in weiter Ferne zu sein scheint, muss man schon in großer Not sein, um hier abzusteigen. Wahrscheinlich ist der Abstieg hier lebensgefährlich, da es weglos in ein super steiles Kar hinunter geht. Der weitere Aufstieg bringt keine großen Schwierigkeiten mit sich und so komme ich munter und in guter Kondition am Gipfel der Plamorter Spitze an.
 
Nach eindrucksvoller Gipfelrast beginne ich den Abstieg. Vom Gipfel aus führt ein Drahtseil in westlicher Richtung über den Grat hinunter zu einer Scharte, wo das Seil kurz unterbrochen ist. Dann geht es am Drahtseil erneut weiter zur zweiten Scharte mit großem Steinmann. Erst hier endet das Sicherungsseil und auf einem rot markierten Pfad geht es durch die Felsen in's Kar hinunter. Ein Bergsteigerpaar begegnet mir hier als sie über diesen Abstiegsweg heraufkommen. Mit Kletterset und zusätzlichem 40 m Seil quälen sie sich am Drahtseil hoch. Für mich ist es immer wieder überraschend, wie unbedarft sich manche Menschen in hochalpines Gelände hinauf wagen. Immerhin ist es bereits schon 15 Uhr und für die beiden bis zum Gipfel mit der momentanen Geschwindigkeit sicher auch noch eine gute halbe Stunde. Aber was soll's, vielleicht war ich ja auch einmal so verrückt...
 
Beim Abstieg achte ich jetzt peinlich genau auf die Markierungen um nicht wieder irgendwo in dem verblockten Gelände vom Pfad abzukommen. Allerdings ist es jetzt wesentlich einfacher, das Ziel (ein Lifthäuschen) anzupeilen, als beim Zustieg, wo alle Berge und Rippen gleich aussehen. Schließlich erreiche ich das Lifthäuschen an dem doch tatsächlich ein gelber Pfeil mit Hinweis "Zum Klettersteig" angebracht ist. Also hätte ich beim Aufstieg nicht die Bergstation der Zirmbahn ansteuern sollen, sondern gleich dieses kleine Lifthäuschen.
 
lift
 
 
Als ich bei der Bergstation gegen 18 Uhr ankomme ist hier schon die große Ruhe eingekehrt. Die Bahn fährt nicht mehr und ich bin froh, mein Mountainbike hier oben geparkt zu haben. In sausender Fahrt geht es in's Tal hinunter.
 
Ein extrem guter Bergtag liegt hinter mir. So wird das Tourengehen nie langweilig!